Du trittst seit Jahren als „Künstlerduo“ auf, obwohl nur Du physisch existierst. Welche Fragen zu Autorschaft und Identität willst Du damit aufwerfen – und welche Antworten haben Dich selbst überrascht?
Einer von vielen Gründen, mit Gomez zu arbeiten war, dass alle Arbeiten von mir von irgendjemand inspiriert sind und nicht wenige nur durch Zusammenarbeiten entstanden sind. Lange hatte ich auch das Gefühl meine Arbeiten schreien gerade zu nach mir, da war und ist Distanz sehr willkommen, um weiterzukommen.
Wie fühlt es sich an, mit einer Figur zu arbeiten, die zwar nicht physisch präsent ist, aber eine klare Stimme und Haltung hat?
Sehr angenehm, vor allem wenn ich in Panik komme, denke ich mir, Gomez schafft das und es muss nicht alles perfekt sein. Gomez schleppt auch nicht den ganzen Ballast mit sich herum wie ich, oder dann zumindest einen Anderen. Zudem kann Gomez seiner Haltung ganz gut einer Stimme verleihen.
Verschwimmen für Dich manchmal selbst die Grenzen zwischen Rittiner und Gomez – gibt es Momente, in denen Du vergisst, dass Gomez „nur“ virtuell ist?
Tatsächlich verschwindet Rittiner ab und zu ganz, aber das Gegenteil ist auch der Fall, das ist fliessend und natürlich kommen da immer noch andere Persönlichkeiten, die sich melden, Rittiner & Gomez sind einfach die Platzhalter.
Dein Blog ist mehr als nur eine Plattform – er ist selbst ein künstlerischer Raum. Wie verändert das Medium Internet die Wahrnehmung Deiner Arbeiten im Vergleich zu einer Ausstellung im physischen Raum?
Der Blog Isla Volante der auch nur durch Gomez entstehen konnte, gibt uns eine grosse Freiheit, wir können da machen, was wir wollen, keine Jury, keine Kuration, kein anstehen für eine Veröffentlichung. Scheitern ist erlaubt.
Und der Blog öffnet viele Türen und Kontakte. Mehrere Publikationen, Projekte und Zusammenarbeiten kamen nur dank des Blogs zu Stande. Somit ergänzen sich die virtuelle und reale Welt zu einem Ganzen.
Deine Arbeiten verbinden visuelle Reduktion mit sprachlicher Prägnanz. Welche Rolle spielt für Dich die bewusste Begrenzung von Formaten und Mitteln?
Das geschieht nicht bewusst, oft sind die Öl-Bilder im Entstehen total überladen, sobald dann alles, was misslungen ist und nicht passt, übermalt ist, bleibt dann die Reduktion.
Bei den Skizzen ist es eher umgekehrt, wenn der Start gelingt, bleibt es dabei, wenn nicht, kann es zu ausufernden Skizzen kommen. Beim Schreiben der Texte ist es eher Konzept. Für den Blog kommt zuerst das Bild, es wird in die Website eingefügt und es kommt genau der Text dazu, der uns in dem Moment einfällt. Nach Möglichkeit wird nichts mehr geändert und wir versuchen eine möglichst einfache Sprache, ohne Fremdwörter zu verwenden. Damit wir es selber als allfälliger Leser auch verstehen könnten.
Zwischen feiner Ironie und nachdenklicher Melancholie – wie balancierst Du diese beiden Pole, ohne ins Banale oder Sentimentale abzurutschen?
Das können wir nicht beurteilen, wäre wünschenswert, die Sache als Aussenstehender zu sehen, die Belanglosigkeit vielleicht erkennen. Die Sache ist ja die, dass uns genau das Banale im Leben und im Alltag interessiert. Nicht irgendein Weltrekord oder eine grosse Erfindung, sondern was zu tun ist, wenn am morgen die Milch übergeht.
Selbst kurze Notizen oder Zeichnungen wirken wie kleine Dialoge. Entsteht dieser Charakter bei Dir bewusst oder wächst er organisch aus dem Prozess?
Das entsteht organisch, aber das Thema Kommunikation und wie Menschen zueinander in Beziehung sind beschäftigt und verunsichert uns schon ein Leben lang.
Gomez ist Deine Gegenstimme und Dein Spiegel. Welche Freiheiten erlaubt Dir dieses Alter Ego, die Du als „Rittiner“ vielleicht nicht hättest?
Gomez ist befreiend, aber es ist ein langer Weg, der kaum bis zum Ende gegangen wird. Man wird sich selber nie ganz los.
Dein Projekt läuft seit Jahren als fortgesetzte Performance. Wie hältst Du es frisch – und wie hat sich der Dialog zwischen Dir und Gomez über die Zeit verändert?
Er verändert sich immer wieder, aber leider nicht gleichmässig, da kann der Dialog auch einmal ins Stocken kommen und es wird zäh. Dann kann es wieder lebhaft werden, dass man kaum hinterherkommt.
Du bewegst Dich zwischen bildender Kunst, Literatur und digitaler Poesie. Siehst Du in dieser Grenzüberschreitung ein Modell für zukünftige Kunstformen?
Die Worte kamen schleichend und ganz natürlich dazu und wir merkten, dass viele Bilder ohne die Texte gar nie hätten entstehen können und die Texte ohne Bilder sowieso nicht.
Als einzigartig oder neu sehen wir das nicht, es gab und gibt viele Schreibende, die malen und oder schauspielern, musizieren und …
Deine Arbeit wird gleichzeitig als „flüchtig“ und „dauerhaft“ beschrieben. Wie gelingt es Dir, diesen Widerspruch zusammenzubringen?
Wir sind dauerhaft flüchtig.
Welche Rolle spielt für Dich das Publikum – online und im Ausstellungsraum – in Deinem fortlaufenden Gespräch zwischen Dir und Gomez?
Online sind wir mit dem Publikum mehr im Kontakt, als mit dem Publikum an Ausstellungen. So gibt es Blogbesucher*innen, die unsere Arbeit schon sehr lange begleiten, kommentieren und unterstützen, was nicht selten auch zu realen Begegnungen führt, die bisher immer positiv ausfielen. Es gibt aber auch ab und zu, Online-Publikum, das uns bremst, wenn wir feststellen, dass Personen aus unserem Umfeld den Blog abonnieren. Was denken die? Ist ja völlig Sinn befreit, was wir da machen und irrelevant. Da hilft es nur, einfach weiterzumachen. In Ausstellungen ist es natürlich wichtig Publikum zu haben und mit ihnen in ein Gespräch zu kommen, es hilft auch, um weiterzukommen mit der eigenen Arbeit. An Ausstellungen ist bevorzugt nur Gomez anwesend.